Ein Nachlass kommt selten zu einem guten Zeitpunkt. Man ist unter Zeitdruck, emotional belastet und oft weit entfernt vom Ort des Geschehens. Die Wohnung muss bis zum Monatsende geräumt sein. Geschwister oder Kinder müssen koordiniert werden. Und mitten in allem liegt ein Schuhkarton voller Briefe, ein Ordner mit Dokumenten, deren Bedeutung niemand kennt, und ein Stapel Fotos ohne Beschriftung. Was davon ist wichtig? Was kann weg? Und wie trifft man diese Entscheidungen, wenn man kaum Zeit hat und zu allem noch trauert?
Dieser Leitfaden ist für Menschen in dieser Situation geschrieben. Er gibt eine pragmatische Methode, die in drei Tagen funktioniert, ohne dass unwiederbringliche Dinge verloren gehen.
Der wichtigste Rat vorweg, bevor irgendetwas anderes: Scannen Sie, bevor Sie sortieren. Die meisten Entscheidungen, die Menschen bei der Nachlasssichtung bereuen, sind Wegwerfentscheidungen, die getroffen wurden, bevor der Inhalt des Dokuments bekannt war. Ein handgeschriebener Brief sieht unleserlich aus. Man hält ihn für unwichtig. Man wirft ihn weg. Drei Wochen später, wenn die Trauer etwas abgeklungen ist, stellt man fest, dass es der einzige Brief war, den der Verstorbene von seiner Mutter aufbewahrt hatte.
Der einfache Grundsatz lautet: Was Sie nicht sofort eindeutig als Müll identifizieren können, wird zunächst fotografiert oder gescannt, bevor Sie entscheiden. Das kostet Zeit, aber erheblich weniger Zeit als der spätere Versuch, verlorene Informationen zu rekonstruieren.
Am ersten Tag geht es nicht ums Sortieren, sondern ums Erfassen. Sie gehen durch alle Räume und alle Behältnisse und erfassen, was vorhanden ist. Nicht alles lesen. Nicht alles bewerten. Alles sehen und alles fotografieren oder scannen, was Schrift trägt.
Am zweiten Tag werden die gescannten und gesichteten Dokumente bewertet. Die bewährteste Methode ist das Ampelprinzip: Rot für sofortigen Handlungsbedarf, Gelb für Aufbewahrung zur späteren Prüfung, Grün für dauerhaft wichtig.
Die grüne Kategorie enthält die Dokumente, die unwiederbringlich sind und deshalb sofort gesichert werden müssen, unabhängig von ihrer praktischen Relevanz. Geburtsurkunden können zwar beim Standesamt neu beantragt werden, aber das Original ist ein Zeitdokument mit einer anderen Bedeutung. Arbeitsbücher, Schulzeugnisse und Militärpapiere sind in vielen Fällen nicht zu ersetzen und liefern biographische Informationen, die nirgendwo sonst überliefert sind.
Am dritten Tag werden die roten Dokumente an die richtigen Stellen weitergegeben oder aufbewahrt. Die gelben Dokumente werden in einem Karton gesichert, der nicht entsorgt wird, bis alle Beteiligten Zeit hatten, ihn zu sichten. Die grünen Dokumente werden digital gesichert.
Handgeschriebene Briefe und Dokumente sind die schwierigste Kategorie, weil ihre Bedeutung oft erst nach der Lektüre erkennbar ist, und weil die Lektüre bei Kurrentschrift ohne Hilfsmittel nicht möglich ist. Ein typischer Nachlass aus einer Generation, die vor 1940 aufgewachsen ist, enthält Briefe in Kurrentschrift, die für die meisten Menschen heute so lesbar sind wie eine fremde Sprache.
Menschen, die unter Zeitdruck einen Nachlass sichten, machen immer wieder dieselben Fehler. Das Wissen um diese Fehler schützt nicht vollständig, aber es sensibilisiert:
Der häufigste Fehler ist das Paketdenken: Man entsorgt ganze Kartons ohne Sichtung, weil sie auf den ersten Blick wie „alte Behördenpost" aussehen. In Briefordnern, die systematisch nach Jahrzehnten geordnet waren, lagen in Einzelfällen testamentarisch relevante Dokumente zwischen Telefonrechnungen.
Der zweithäufigste Fehler ist die unbeschriftete Digitalisierung: Man fotografiert Dokumente schnell mit dem Handy, ohne Dateinamen oder Fundortnotizen. Drei Monate später findet man auf dem Handy zweihundert Fotos von Papieren, die man keinem Kontext mehr zuordnen kann.
Der dritthäufigste Fehler ist das Verteilungsproblem: Familienmitglieder nehmen einzelne Dokumente mit, ohne sie zu dokumentieren. Später weiß niemand mehr, wer welches Foto oder welchen Brief hat. Ein gemeinsamer digitaler Ordner oder ein geteiltes Archiv verhindert das.
Die drei Tage sind nicht das Ende, sondern der Anfang. Was in dieser Zeit gesichert wurde, wartet auf Erschließung. Das ist keine dringende Aufgabe, aber eine wichtige. Die Fotos, die noch keine Namen tragen, warten auf jemanden, der die alten Familiengesichter kennt. Die Briefe, die noch nicht transkribiert wurden, warten auf Entzifferung.
Die beste Zeit, diese Erschließung zu beginnen, ist wenige Wochen nach dem Nachlass, wenn die akuteste Belastung abgeklungen ist, aber die Erinnerungen an die Erblasserin oder den Erblasser noch frisch sind. Was man jetzt noch weiß über die Personen auf den Fotos, über den Kontext der Briefe, über die Lebensumstände, die die Dokumente erklären, das weiß man in zehn Jahren vielleicht nicht mehr.
Laden Sie die gescannten Dokumente hoch und beginnen Sie mit der Erschließung. Die ersten zehn Seiten sind kostenlos, ohne Abonnement, ohne Kreditkarte.
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